Eigenversorgungsrad und Wirtschaftlichkeit?


(Alen Salihovic) #1

Für meine Masterarbeit habe ich einige Fragen zum Eigenversorgungsgrad (EVG) und der Rentabilität von PV. Nämlich:

  • Ist der EVG massgeblich für die Rentabilität von PV Anlagen?
  • Falls ja, gibt es EVGs, für die man pauschal sagen kann, dass sie zu tief sind um rentabel zu sein (also z.B. unter 10%)?
  • Was wäre die beste Option, wenn eine Anlage einen zu hohen EVG hat? Sollte man die Fläche der PV Anlage reduzieren, oder einen kleineren Wechselrichter installieren? Ein kleinerer Wechselrichter hätte ja den Vorteil, dass die PV Anlage den ganzen Tag durch genug Strom produziert, aber zu Spitzenstunden dann nicht mehr so extrem zu viel (was der Autarkie helfen würde). Die Spitzenstunden für PV sind ja am Mittag, wobei die Haushaltslasten zu diesem Zeitpunkt oft tief sein können.

Der Hintergrund für diese Frage
Ich mache zurzeit eine Netzintegrationsstudie für meine Masterarbeit, für die ich PV Anlagen auf Dachflächen in einem ländlichen Stromnetz in Luzern simuliert habe. Bei der Studie hat sich ergeben, dass schon nach der ersten PV Anlage im Netz Spannungsgrenzen verletzt werden. Ich frage mich, ob das nicht daran liegt, dass ich PV Anlagen simuliert habe, die in der Realität gar nicht gebaut werden würden, weil sie unrentabel sind. Deshalb meine Frage.
Die PV Anlagen, die ich simuliert habe, haben alle einen jährlichen Ertrag von mindestens 930 kWh/kWp. Der Autarkiegrad der Haushalte mit den PV Anlagen beträgt im Mittel ca. 50%. Ich habe nun auch gehört, dass der Eigenversorgungsgrad (EV) besonders wichtig für die Rentabilität ist. Dies hat mich ein wenig überrascht, da der ins Netz eingespeiste Strom ja sowieso vergütet wird und ich deshalb eher den Autarkiegrad als wichtiger betrachtet habe. Der EV liegt für meine Haushalte zwischen 2 und 28% (Mittelwert 10%).

Ich bin bei meiner Arbeit eher auf ein Zukunftsszenario ausgerichtet. Wenn sich in Zukunft also gewisse Tatsachen über dieses Thema im Vergleich zu heute ändern sollten, dann wäre das auch wichtig.

Vielen Dank!


(Heini Lüthi) #2

Vorab zur Begriffsklärung:
Autarkie in % = zeitgleich vor Ort verbrauchter Solarstrom / Gesamt-Stromverbrauch

Eigenverbrauchsanteil (%) = zeitgleich vor Ort verbrauchter Solarstrom / total produzierter Solarstrom

Einverstanden? Als EVG werden auch Eigenverbrauchsgemeinschaften bezeichnet. Mit Eigenversorgungsgrad meinst du Eigenverbrauchsanteil? (Oder Autatkie?)

Der Eigenverbrauchsanteil ist entscheidend für den wirtschaftlichen PV-Betrieb, wenn und weil für zurück ins Netz gespiesenen Solarstrom meist nur 4-8 Rp/kWh vergütet wird, weniger als die Gestehungskosten. Während der zeitgleich konsumierte Solarstrom Strombezug zu 15-25 Rp/kWh substituiert. Wenn über 60% vom Solatstrom ins Netz zurück fliesst, sind die Kosten oft nicht gedeckt. Die Wirtschaftlichkeit ist deshalb von den EW-Tarifen und vom Eigenverbrauchsanteil abhängig. (Es sei denn, ein EW bezahlt freundlicherweise kostendeckend 10…15 R/kWh.)

Die PV-Anlage kleiner zu dimensionieren, um einen höheren Eigenverbrauchsanteil zu erzielen ist abzuwägen - aber unter Abwägung von variablen- und fixen Kosten und für einen starken Zubau nicht ideal. Nur kleinerer Wechselrichter… spart wenig und beschneidet doch den Ertrag. Situativ bis zu einem gewissen Punkt prüfenswert, aber unüblich. (Wobei - die WR Leistung ist oft nur 80% der PV Nennleistung - weil das Maximum zB bei Ost-West Ausrichtung nie erreicht wird - aber nicht gezielt für ein Peak-Shaving…)


(Alen Salihovic) #3

Hallo, ibee, danke für die Antwort. Mit den Definitionen bin ich einverstanden. Und ja, EVG habe ich als Abkürzung für Eigenversorgungsgrad verwendet.
Der EVG ist also entscheidend; ich wusste nicht, dass die Rückvergütung meistens so nur so tief ist.

Den letzten Teil deiner Antwort habe ich aber nicht ganz vertanden:
“Die PV-Anlage kleiner zu dimensionieren, um einen höheren Eigenverbrauchsanteil zu erzielen ist abzuwägen - aber unter Abwägung von variablen- und fixen Kosten und für einen starken Zubau nicht ideal. Nur kleinerer Wechselrichter… spart wenig und beschneidet doch den Ertrag. Situativ bis zu einem gewissen Punkt prüfenswert, aber unüblich. (Wobei - die WR Leistung ist oft nur 80% der PV Nennleistung - weil das Maximum zB bei Ost-West Ausrichtung nie erreicht wird - aber nicht gezielt für ein Peak-Shaving…)”

Meinst du, die Anlage nachträglich kleiner zu dimensionieren ist “nicht ideal”? Die PV-Anlagengrösse vor der Installation auf den EVG abzustimmen wäre also sicher die richtige Wahl, oder? In diesem Fall sollte ich die simulierten PV Anlagen in meiem Szenario einfach so dimensionieren, dass sie einen EVG von 20-30% mit sich bringen. Wäre das vernünftig?


(Heini Lüthi) #4

Die variablen Kosten vom PV-Material liegen unter 1000 CHF/kWp. Aber Fixkosten wie Elektroarbeit für Netzanschluss, Gerüst, Planung/Admin sind wohl mind 5000 CHF für ein EFH. Wenn du nur 2 kWp verbaust, hast du zwar einen hohen Eigenverbrauch - aber viel teureren Solarstrom, als wenn du doch gleich 5 kWp verbaust.
Daher der Vorbehalt, PV klein zu halten… Es mag aber durchaus Beispiele geben, dass für ein Gewerbebetrieb eine 30 kWp Anlage wirtschaftlicher ist - aufgrund vom höheren Eigenverbrauch - als eine 50 kWp Anlage.


(Peter) #5

Ich sehe es ähnlich:
Je nach Auslegung einer Anlage macht es Sinn, eine WR-Leistung um bis zu 50% kleiner zu wählen, ohne nennenswerte Ertragseinbusse.
Je nach Tarifen macht es gar keinen Sinn, Eigenverbrauch zu fördern.
PV-Anlagen <10 kWp lohnen sich nicht für spezielle EV-Steuerungen, da genügt der geübte Blick aus dem Fenster.
einstein0